Petra Theisen

Karl & Jenny
der 175. Hochzeitstag

Uraufführung
19. Juni 2018 in der Pauluskirche zu Bad Kreuznach

 


letzte Aktualisierung:

09.03.2018


 


Schauspiel oder lieber doch "Schauleben"?

Gedanken zu einem Seminar mit Prof. Jurij Vasilijev

Wie kann ich als Schauspielerin eine Rolle entdecken, erspielen, erfühlen? Wie kann ich es erreichen meine Zuschauer zu berühren?
Ich muss in die Person eintauchen, ich muss mir vorstellen können, wie diese Person denkt, wie sie fühlt. Ich muss in Ihr Innerstes vorstoßen und verstehen warum sie so handelt. Ich muss die Impulse für Ihr Handeln und Fühlen erspüren. Wie eine Blume, deren Blütenblätter sich langsam, durch die warmen Strahlen der Sonne öffnen, bis sich das Leben offenbart. Nicht ein Erzwingen, nicht ein unbedingtes Wollen, nicht ein Müssen. Nein, ein „Geschehen-lassen“, ein „Sich-fallen-lassen“. Erst dann kann ich wahrhaftig in meinem Spiel sein. Wenn ich die Impulse für das Handeln spüre und mich von ihnen treiben lasse. Dann ist der Zuschauer auch bei mir. Nicht bei Petra, nein, bei Inna. Mittendrin! Ich bin dann Inna, Petra existiert nicht mehr.
Kann ich den Zuschauer auf meine Reise in das Innerste mitnehmen? Fühlt er mit mir? Leidet er mit mir? Ekelt er sich vielleicht sogar vor mir? Kann er das Leben förmlich riechen, so wie bei einer Blume, die Ihren betörenden Duft verströmt, wenn sie sich voll entfaltet? Manchmal auch einen unangenehmen Duft? Wenn das gelingt, dann bin ich wahrhaftig: die wahre Inna! Gelingt es wirklich? Nicht immer. Doch wenn es gelingt, dann neigt man dazu, den Moment festhalten zu wollen. Ihn immer und immer wieder genauso zu spielen. Doch kann man das? Nein! Man kann nichts festhalten, nichts erzwingen. Man muss immer wieder darauf vertrauen, dass einen die Impulse nicht im Stich lassen. Verkrampft man, verliert man die Balance. Man erspürt nicht mehr das Innerste. Die Blume schließt sich, wie bei einem Regen. Man kann die Blüte nicht mehr bestaunen. Geschweige denn, den Duft wahrnehmen. Der Zuschauer ist wieder Zuschauer, Inna ist wieder die Protagonistin Petra.
Ich möchte nicht spielen, ich möchte sein, mit jeder Faser meines Körpers. Ich möchte kein „Schauspiel“, nein ein „Schauleben“ zum Besten geben. Nicht das Spiel, nein das Leben ist wahrhaftig. Und ich möchte auf der Bühne aufleben, wann immer ich die Sonnenstrahlen spüre.

Petra Theisen